vom 09.04.2019

Neue Therapieoption bei erblichem Eierstockkrebs am Dresdner Uniklinikum

Neuartige Wirkstoffe bieten Hoffnung bei erblichem Eierstockkrebs. PD. Dr. Karin Kast vom Universitätsklinikum Dresden spricht mit einer Patientin über die innovative Methode. (c) TU Dresden/Stephan Wiegand
Neuartige Wirkstoffe bieten Hoffnung bei erblichem Eierstockkrebs. PD. Dr. Karin Kast vom Universitätsklinikum Dresden spricht mit einer Patientin über die innovative Methode. (c) TU Dresden/Stephan Wiegand

Bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Tumor auch nach zunächst erfolgreicher Standardtherapie schnell zurückkehrt. Neuartige Wirkstoffe, so genannte PARP-Inhibitoren, verbessern die Prognose bei bestimmten genetischen Voraussetzungen der Erkrankung erheblich. An der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden profitieren Patientinnen von dieser innovativen Methode. Die Behandlung ist eingebettet in ein umfassendes Angebot von Analyse und Beratung im Rahmen des Zentrums für familiären Brust- und Eierstockkrebs. Alle Patientinnen mit Eierstockkrebs bis 79 Jahre haben hier die Möglichkeit, eine genetische Analyse als Grundlage für eine mögliche Behandlung mit den neuen Wirkstoffen vornehmen zu lassen. Die hohe Qualität von Diagnostik und Therapie auf dem neuesten Stand der Wissenschaft wird durch ein fächerübergreifendes Netzwerk aus Spezialisten im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) gewährleistet.

Eierstockkrebs gehört zu den aggressivsten Tumoren. In mehr als zwei Drittel der Fälle wird die Erkrankung erst in einem weit fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Auch nach erfolgreicher Operation mit vollständiger Entfernung aller erkennbaren Krebsherde und anschließender Chemotherapie kehrt der Tumor nicht selten nach kurzer Zeit zurück. Eine neue Gruppe von Arzneistoffen – so genannte PARP-Inhibitoren, kurz „PARPi“ – bieten nun Hoffnung für Patientinnen mit Eierstockkrebs, deren Erkrankung auf eine erbliche Veränderung in bestimmten Hochrisikogenen zurückzuführen ist. Auch am Universitätsklinikum Dresden können Patientinnen mit dem neuen Wirkstoff behandelt werden. „Wir sind sehr froh, geeigneten Patientinnen diese neue Möglichkeit anbieten zu können. Eine wichtige Grundlage sind die hervorragenden diagnostischen Möglichkeiten, auf die wir als Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs zurückgreifen können“, sagt Prof. Pauline Wimberger, Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Dresden und Mitglied im Direktorium des NCT/UCC Dresden.

Prognose deutlich besser

Die Dresdnerin Clara Neumann* (55) ist eine der Patientinnen, die von dem neuen Wirkstoff profitieren. Auch bei ihr wurde der Eierstockkrebs im Herbst 2018 erst entdeckt, als er sich schon weit in den Bauchraum ausgebreitet hatte. „Das war für mich natürlich ein riesiger Schock, denn die Aussicht wieder ganz gesund zu werden war schlecht. Als ich dann von der Möglichkeit der neuartigen Behandlung erfuhr, schöpfte ich wieder Hoffnung“, sagt die Patientin. „Wir wissen, dass das Risiko, dass die Krankheit in den ersten dreieinhalb Jahren nach der Standardtherapie zurückkehrt, durch die anschließende Behandlung mit PARP-Inhibitoren um rund 70 Prozent gesenkt werden kann. Langfristig werden wir hierdurch möglicherweise auch bei mehr Patientinnen eine Heilung erzielen“, erklärt Oberärztin PD Dr. Karin Kast von der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

Umfangreiches Angebot für genetische Analyse und Therapie


„Als Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs können wir allen Patientinnen mit Eierstockkrebs bis 79 Jahre eine genetische BRCA1/2-Analyse anbieten, auch wenn dies der einzige Fall von Eierstockkrebs in der Familie ist. Außerhalb solcher Zentren wird die Analyse in diesem Fall nicht von den Kassen getragen“, sagt Prof. Evelin Schröck, Direktorin des Instituts für Klinische Genetik an der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden und Leiterin der Core Unit für Molekulare Tumordiagnostik am NCT/UCC Dresden. „Das diagnostische und therapeutische Spektrum, das die Hochschulmedizin Dresden für Patientinnen mit gynäkologischen Krebserkrankungen vorhält, ist ein gutes Beispiel für die hier geleistete exzellente Krebsmedizin. Mit dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden haben wir ein Netzwerk geschaffen, in dem wir durch das Zusammenwirken von Krankenversorgung und Wissenschaft unseren Patienten die bestmöglichen Behandlungen anbieten können“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus.

Neue Therapieoptionen sind allerdings zumeist mit hohen Kosten verbunden. Die Behandlung mit PARP-Inhibitoren wird aktuell noch nicht flächendeckend von den Krankenkassen übernommen. „Wir stellen für jede unserer Patientinnen, bei der die Behandlung angezeigt ist, einen entsprechenden Antrag bei der jeweiligen Krankenkasse – ein übliches Prozedere bei neuen Medikamenten. Weitere Patientinnen können im Rahmen von Studien behandelt werden. Künftig wird die vielversprechende Behandlung hoffentlich noch weit mehr Patientinnen zu Gute kommen“, so Dr. Kast.

Krebszellen an der DNA-Reparatur hindern

PARP-Inhibitoren zeigen das höchste, mitunter jahrelange  Ansprechen bei Patientinnen mit Eierstockkrebs, die Veränderungen in den BRCA1/2-Genen aufweisen. Eine aktuelle internationale Studie zeigt, dass der PARP-Inhibitor Olaparib den durchschnittlichen Zeitraum bis zur erstmaligen Rückkehr der Erkrankung und Notwendigkeit einer erneuten Chemotherapie von rund einem auf gut vier Jahre verlängert. Ist der Tumor bereits wiederholt aufgetreten, lässt sich der Zeitraum bis zu einem erneuten Rezidiv mittels PARP-Inhibitoren ebenfalls deutlich verlängern.

Die Gene BRCA1/2 sind für die Reparatur von Fehlern in der Erbinformation menschlicher Zellen (DNA) verantwortlich. Träger dieser Mutation erkranken häufiger und vergleichsweise jung an Brust- und Eierstockkrebs sowie weiteren Krebsarten. Die gestörten Reparaturmechanismen sind zum einen Ursache des Krebsleidens, bilden aber auch die Achillesferse für die Tumorzellen. Diese müssen nämlich auf alternative Formen der DNA-Reparatur ausweichen, wenn sie selbst überleben wollen. Hierbei spielt das Enzym Poly-ADP-Ribose-Polymerase (PARP) eine wichtige Rolle. Wenn dieses medikamentös gehemmt wird – durch PARP-Inhibitoren – dann kommt es insbesondere bei BRCA1- oder BRCA2-mutierten Tumorzellen gehäuft zum Zelltod.

Künftig weitere Anwendungsgebiete für neuartige Wirkstoffe

Aktuelle Studien untersuchen, ob PARP-Inhibitoren auch bei weiteren BRCA-assoziierten Krebsarten wirksam sind – etwa bei Brust-, Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Eine Zulassung für entsprechende metastasierte Brustkrebserkrankungen wird in Kürze in Deutschland erwartet.

Für Patientinnen mit Eierstockkrebs, Eileiter- oder Bauchfellkrebs sind PARP-Inhibitoren unter bestimmten Umständen mittlerweile auch dann zugelassen, wenn keine BRCA-Mutation vorliegt. Nämlich dann, wenn die Erkrankung erst nach längerer krankheitsfreier Zeit wieder aufgetreten ist und der Tumor gut auf die zunächst verabreichte Chemotherapie mit Carboplatin angesprochen hat. In diesem Fall sind die mittels PARPi erzielten krankheitsfreien Zeiten zwar weniger lang als bei Vorliegen einer Veränderung in den BRCA-Genen, aber dennoch signifikant länger als ohne diese Medikation. „Circa zehn Prozent der Patientinnen mit einem späten Wiederauftreten der Eierstockkrebserkrankung zeigen erfreulicherweise ein jahreslanges Ansprechen (von 6 Jahren und mehr), eine Chronifizierung der Erkrankung, was früher undenkbar gewesen wäre“, so Prof. Wimberger. Künftige Studien sollen zeigen, ob der innovative Wirkstoff bei den genannten Krebsarten ohne BRCA-Mutation auch in einem frühen Stadium der Erkrankung deutliche Vorteile bringt.

*Name der Patientin geändert

Zur Pressemitteilung steht ein Bild in druckfähiger Auflösung zur Verfügung:

https://www.nct-heidelberg.de/fileadmin/media/nct-dresden/das-nct/newsroom/PM_PARPi_2.jpg

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